S03 Erläuterung zu den Akzenten

  1. Im Deutschen wird die Betonung durch verstärktes Ausatmen gebildet (dynamischer oder exspiratorischer Akzent). Sie liegt grundsätzlich auf der Stammsilbe eines Wortes, kann aber auch anders gesetzt sein (Schweíneschmalz || Schweinereí - umfáhren || úmfahren). Die Betonung wird in der Schrift nicht kenntlich gemacht.

  2. Das Altgriechische hat einen melodischen Akzent, ähnlich wie Chinesisch oder Litauisch. D.h.: Der Akzent wird durch die Tonhöhe der Vokale gebildet, gleichsam gesungen (lat. accentus für gr. προσῳδία - Hinzusingen, Betonung, Vortrag). In der Schrift wird das (ähnlich wie im Französischen) durch die über die Vokale gesetzten Akzente ausgedrückt. Aufgrund unterschiedlicher Flexionsendungen kann sich der Akzent in ein und demselben Wort nach Vorgabe der Akzentregeln verschieben.

  3. Es gibt drei melodische Akzente:

    1. den Akut = Hochton, z. B. ὁ λγος (das Wort),

    2. den Gravis = Tiefton , oder: tieferer Ton, der dennoch vor den unbetonten Vokalen hervortritt,
      z. B. τ  δένδρον (der Baum)

    3. und den Zirkumflex, der nur auf langem Vokal oder Diphthong steht. Er wurde wie eine Schleife gesprochen, in der Hoch- und Tiefton aufeinander folgten;
      z. B. τοῦ  λόγου (des Wortes); im Deutschen vergleichbar das nachdrückliche soo! jaa!

  4. Wir Modernen setzen beim Vortrag griechischer Prosa unsere dynamische Betonung unterschiedslos auf die durch die drei Akzente gekennzeichneten Silben.

  5. Zugleich wurden im Griechischen - wie auch im Lateinischen - die langen und kurzen Silben sehr deutlich unterschieden: quantitierende Metrik. Lang sind nicht nur die Silben mit langem Vokal oder Diphthong, sondern auch diejenigen mit mehrfachen Konsonanten nach dem Vokal (Positionslänge). Wir kennen das von den Italienern, die z. B. genüsslich das doppelte pp und ll etwa in cappello "Hut" dehnen und vom einfachen Konsonanten wie in capello "Haar" unterscheiden. Die quantitierende Metrik ist für die Bildung von Versen im Altgriechischen konstitutiv. Siehe dazu den Abschnitt Metrik.

  6. Im Vortrag der Chorlyrik wurde das Versmaß zusätzlich in Tanzschritte übertragen. Die langen Silben (Zeichen: ‒) hießen Hebung, nämlich  des Fußes, (ἄρσις) und die kurzen (Zeichen: ⏑) Senkung (θέσις). Diese Begriffe haben in der modernen Verslehre ihre Bedeutung verändert: Hebung meint heute die exspiratorisch betonte und Senkung die unbetonte Silbe.

  7. Wenn wir Modernen also griechische Verse vortragen, verfahren wir anders als mit der Prosa (s. unter 4): Wir setzen in der Regel die exspiratorische Betonung auf die ἄρσις, also auf die Hebung im Vers, ob sie nun einen Akzent trägt oder nicht. Die Griechen konnten beides gleichzeitig: Sie verbanden im Vortrag (προσῳδία) den melodischen Akzent mit der metrischen Unterscheidung von langen und kurzen Silben.
    Ja, der Dichter von Chorlyrik schuf mit seinem Gedicht zugleich die Grundlage der Melodie als auch der Choreographie des Tanzes.

Atona

Folgende Wörter schließen sich ohne Akzent an das folgende Wort (Proklisis, vgl. unsere Artikel):

  • die vier Artikel: ὁ, ἡ, οἱ, αἱ

  • die drei Präpositionen: εἰς (in) , ἐν (in), ἐκ/ἐξ (aus)

  • die zwei Konjunktionen: εἰ (wenn), ὡς (wie, dass)

  • die Negation οὐ/οὐκ/οὐχ (nicht)

Zu den Enklitika, die sich ohne eigenen Akzent an das vorhergehende Wort anschließen, s. L04