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M1 Zur Metrik, Sprechverse

Verse werden im Deutschen durch die geregelte Abfolge von betonten und unbetonten Silben,
im Griechischen von langen und kurzen Silben gebildet.

Die melodische Be-"tonung" der griechischen Wörter durch die Akzente, d. i. durch die Tonhöhe der Vokale, muss mit dem Metrum nicht übereinstimmen und wird dadurch nicht berührt.
Da wir im Deutschen beides nicht nachahmen können und immer den exspiratorischen Akzent setzen, "betonen" wir beim Lesen griechischer Prosa die akzentuierten Vokale, beim Lesen von Versen die langen Silben des Metrums.

Naturlänge = langer Vokal oder Diphthong
Ausnahme = Hiatkürzung: in der Wortfuge kann ein auslautender langer vor einem anlautenden Vokal gekürzt werden; s. S. 2, Z. 1, 5.
Positionslänge = Vokal mit nachfolgend zwei oder mehr Konsonanten (auch ψ, ζ, ξ)
Ausnahmen = Muta (β, δ, γ - π, τ, κ - φ, θ, χ) + Liquida (μ, ν, λ, ρ) können kurz gesprochen werden; s. S. 2, Z. 1.

Die metrischen Zeichen
‒  = Länge, Longum
⏑   = Kürze, Breve
⏔ = Länge statt Doppelkürze

x = Anceps (doppelköpfig, zweideutig) Länge oder Kürze
ˈ = Ende eines Metrums

Die Metren der Sprechverse
‒ ⏑⏑ˈ = δάκτυλος (Finger) Daktylus
‒ ‒ˈ  = σπονδεῖος (zur Opferspende gehörig) Spondeus
x‒ ⏑ ‒ˈ = ἴαμβος (Spottvers) Jambus
‒ ⏑ ‒ xˈ = τροχαῖος (Laufvers) Trochäus

Der iambische Trimeter

ist vor allem der häufigste Sprechvers in der Tragödie und in der Komödie.
Er besteht aus drei jambischen Metren:

x‒ ⏑ ‒ˈx‒ ⏑ ‒ˈx‒ ⏑ ‒

Deutscher Merkvers:
Bewundert vielˈund viel gescholˈten, Helena,
vom Strande kommˈich, wo wir erstˈgelandet sind, ... (Goethe, Faust II, V. 8488 f.)
 

  x  ‒    ⏑  ‒ ˈx   ‒    ⏑    ‒ ˈx ‒   ⏑  ‒

οὔτοι συνέχθειν, ἀλλὰ συμφιλεῖν ἔφυ  

Nicht mitzuhassen,        mitzulieben bin ich da.

 

(Sophokles, Antigone V. 523)

οὔτοι bestimmt nicht - ἔχθω hassen - φιλέω lieben - φύω erzeugen

x   ‒  ⏑      ‒  ˈx    ‒   ⏑ ‒ˈx‒      ⏑  x

Ἄγει δὲ πρὸς φῶς τὴν ἀλήθειαν χρόνος.

 

(Menander, Monostichoi 11, Gottwein)

ἄγω führen, treiben - ὁ χρόνος Zeit

 

Der Hexameter

= ἑξάμετρον (Sechsmaß) besteht aus sechs Daktylen; der letzte ist verkürzt.

‒ ⏑⏑ˈ‒ ⏑⏑ˈ‒ ⏑⏑ˈ‒ ⏑⏑ˈ‒ ⏑⏑ˈ‒x
Der Hexameter ist bei Griechen und Römern der Vers der epischen Dichtung - und wird auch in der Neuzeit in  Epen nachgeahmt.

Deutscher Merkvers:
Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen, es grünten und blühten

Feld und Wald ...                                                                              (Goethe, Reineke Fuchs, V. 1)
 

Zäsur = Teilung der Verszeile durch Wortende innerhalb eines Metrums

Dihärese = Teilung der Verszeile durch Wortende zwischen zwei Metren

Eine Zäsur tritt sehr häufig im dritten Metrum nach der ersten Kürze auf:
‒ ⏑⏑ˈ‒ ⏑⏑ˈ‒ ⏑|⏑ˈ‒ ⏑⏑ˈ‒ ⏑⏑ˈ‒x; Ἄνδρα μοιˈἔννεπε, Μοῦˈσα|... (Odyssee) s. u. Z. 1-3, 6.
oder nach dem Longum:
‒ ⏑⏑ˈ‒ ⏑⏑ˈ‒|⏑⏑ˈ‒ ⏑⏑ˈ‒ ⏑⏑ˈ‒x; Μῆνιν ἄειδε, θεὰ | ... (Anfang der Ilias) s. u. Z. 5.
Die Beachtung der Zäsur erleichtert das Lesen.

Spondeus statt Daktylos ‒⏔ tritt sehr selten im 5. Metrum auf; s. aber unten Z. 3.
 

1

     ‒   ⏑   ⏑ ˈ ‒  ⏑ ⏑ ˈ ‒   ⏑     ⏑ ˈ ‒  ⏔  ‒ ˈ⏑    ⏑  ‒ x
Moῦσά, μοι ἔννεπε ϝἔργα|πολυχρσου Ἀφροδτης

2


   ‒    ⏑ ⏑  ˈ ‒  ⏑  ⏑ˈ‒ ⏑   ⏑ˈ‒     ⏑ ⏑ ˈ‒ ⏑  ⏑ ˈ ‒  x
Κύπριδος, ἥ τε θεοῖσιν|ἐπὶ γλυκὺν μερον ὦρσε

3


  ‒      ⏑  ⏑ ˈ‒    ⏑  ⏑ˈ  ‒  ⏑    ⏑ˈ ‒   ⏔ˈ ‒    ⏔    ‒  x
καὶ τ' ἐδαμάσσατο φῦλα|καταθνητῶν ἀνθρώπων,

4

 
 ‒ ⏔ˈ ‒    ⏑  ⏑ˈ‒  ⏑ ⏑  ˈ  ‒     ⏔ˈ ‒  ⏑⏑ˈ ‒   x
οἰωνούς τε διῑπετέας|καὶ θηρία πάντα,

5


 ‒  ⏑   ⏑ ˈ‒ ⏔ˈ‒     ⏔ˈ  ‒    ⏑   ⏑ˈ ‒   ⏑  ⏑ˈ ‒    x
ἠμὲν ὅσ' ἤπειρος|πολλὰ τρέφει ἠδ' ὅσα πόντος·

6


   ‒  ⏔ ˈ ‒    ⏑   ⏑ˈ‒  ⏑   ⏑ˈ‒     ⏑  ⏑ ˈ ‒    ⏑  ⏑ˈ‒x
πᾶσιν δ' ἔργα μέμηλεν|ἐϋστεφάνου Κυθερείης. (Homerische Hymnen)

 

Das Distichon

= δίστιχον Zweizeiler wird v.a. für ἐπιγράμματα Epigramme und ἐλεγεῖαι Elegien benutzt.
Es besteht aus einem Hexameter und einem πεντάμετρον Pentameter (Fünfmaß, ungenau!):

‒ ⏔ˈ‒ ⏔ˈ‒ ⏑⏑ˈ‒ ⏔ˈ‒ ⏑⏑ˈ‒x

‒ ⏔ˈ‒ ⏔ˈ‒    |  ‒ ⏑⏑ˈ‒ ⏑⏑ˈx                 | = Dihärese, Einschnitt nach Wortende

Deutscher Merkvers:
Im Hexameter steigt des Springquells silberne Säule,
Im Pentameter drauf | fällt sie melodisch herab.     (Schiller, Xenien)

 
  ‒     ⏔   ˈ ‒    ⏔ˈ   ‒        ⏑   ⏑ ˈ ‒   ⏑  ⏑ˈ‒   ⏑  ⏑ˈ ‒  x
Ὦ ξεῖν᾿, ἀγγέλλειν Λακεδαιμονίοις ὅτι τῇδε

Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest

 

ξένος/ξεῖνος Fremder - ἀγγέλλω melden - ergänze du musst - τῇδε hier


     ‒   ⏑    ⏑ ˈ  ‒       ⏔    ‒   |    ‒     ⏑  ⏑ ˈ  ‒     ⏑   ⏑ ˈx
κείμεθα τοῖς κείνων | ῥήμασι πειθόμενοι.

uns hier liegen gesehn,         | wie das Gesetz es befahl.
(
Schillers freie Übersetzung in "Der Spaziergang")

 

κείμεθα wir liegen - ἐκεῖνος/κεῖνος jener - τὸ ῥῆμα Wort, Befehl
- πειθόμενος gehorchend

(Simonides von Keos)